über Bruder Klaus, unseren Kirchenpatron

Niklaus von Flüe (1417-1487),

der Einsiedler Bruder Klaus ist uns als unser Kirchenpatron lange bekannt, wie auch seine Ehefrau Dorothea (1433 – nach 1481), die er verließ, um als Bruder Klaus in der Ranft ein Einsiedlerleben zu führen.

Niklaus von Flüe und Dorothea Wyss – ein heiligmäßig lebendes Ehepaar


Bei einem Besuch in Flüeli im Jahr 1984 nannte Papst Johannes Paul II. Dorothea eine „heiligmäßige Frau“ und griff damit eine im Volk schon lange verwurzelte Tradition auf. Bruder Klaus und Dorothea werden heute immer mehr als ein heiligmäßig lebendes Ehepaar gesehen und verehrt. Das berechtigt vielleicht, das Leben von beiden einmal gleichzeitig in den Blick zu nehmen.

Als die Bauern- und Ratsherrentochter Dorothea Wyss 1447 den ungefähr 15 Jahre älteren freien Bauern Niklaus von Flüe heiratet, ist sie knapp 15 Jahre alt, was damals nichts Ungewöhnliches ist. Niklaus ist zwar Analphabet, aber als Angehöriger einer angesehenen Bauernfamilie in vielen politischen Ämtern tätig. Das Paar bekommt im Lauf der nächsten 20 Jahre zehn Kinder, fünf Söhne und fünf Töchter. Dorotheas Aufgabe ist es, dem bäuerlichen Großbetrieb vorzustehen und sich um die Ernährung, die Vorräte, die Kleidung und die Erziehung der kleinen Kinder zu kümmern. (Die Söhne lernen ab dem 7. Lebensjahr beim Vater das bäuerliche Handwerk.) Da Niklaus u. a. Ratsherr und Richter im kantonalen Schiedsgericht ist und öfters an Feldzügen der Eidgenossen teilnehmen muss, ist er oft abwesend, so dass Dorothea immer wieder einen Teil seiner Aufgaben auf Hof und Feld übernehmen muss, bis die Söhne alt genug sind, Verantwortung zu übernehmen. Wirtschaftliche Sorgen scheint es zu keiner Zeit gegeben zu haben.

Niklaus in einer tiefen Lebenskrise

Dieses offensichtlich für die damalige Zeit nicht ungewöhnliche Frauenleben erfährt eine tief greifende Veränderung, als Niklaus in eine tiefe Lebenskrise gerät. Durch seine Tätigkeit als Ratgeber v. a. in Rechtsfragen erfährt er Ungerechtigkeiten, Bestechung, Missstände in Gesellschaft und Kirche seiner Zeit hautnah. Offensichtlich verquicken sich abstoßende Erfahrungen mit politischer Korruption und ungerechter Rechtssprechung mit einer tiefen Glaubens- und Sinnkrise, die sein ganzes bisheriges Leben in Frage stellt. Niklaus ringt um eine neue, intensive Form der Begegnung mit Gott und um die Möglichkeit, seine Gebote im alltäglichen Leben umzusetzen. Er legt alle seine politischen Ämter nieder, hat – modern ausgedrückt – schwere Depressionen. Bei all dem scheint Dorothea seine „treue Ratgeberin“ (Biograph Wölflin) zu sein, die er in all seine Zweifel, Unruhe, Hilflosigkeit und Suche nach größerer Nähe zu Gott einbezieht.

Trotzdem gibt Dorothea ihr Einverständnis zu einer Trennung zunächst nicht, erwartet sie doch ihr zehntes Kind. Aber kurz nach der Geburt dieses Kindes, 1467, willigt sie ein. Niklaus wird Gott am Ende seines Lebens für die große Gnade danken, “dass er von seiner Frau und seinen Kindern die Einwilligung erhielt, ein Einsiedlerleben führen zu können“. (Kirchenbuch v. Sachseln, zitiert n. Huber).

Niklaus verlässt seine Frau, seine Kinder, seinen Bauernhof und seine Ämter, um zunächst als lebenslanger Pilger umherzuziehen. Kurze Zeit später führt ihn eine Vision zurück in die Heimat. Er lässt sich in der Melchaaschlucht, in der Ranft, als Einsiedler nieder, nicht weit entfernt von seinem Bauernhof und seiner Familie. Dort fastet und betet er nicht nur intensiv, sondern entwickelt sich zum Ratgeber und einflussreichen Ansprechpartner sowohl für einfache Leute als auch für politische Machthaber. Er bleibt Laie, schließt sich keinem Orden an, geht auf Distanz zur Kirchenhierarchie. Sein Leben entspricht damit dem Frömmigkeitsideal seiner Zeit: einem Gott geweihten geistlichen Leben, das sich zugleich in den Dienst der Welt stellt.

Niklaus und Dorothea – räumlich getrennt, vereint im Gebet

Nach Zeitzeugen hat Dorothea Niklaus in der Ranft öfters besucht, mit ihm Eucharistie gefeiert und Aufträge für ihn ausgeführt. Sie scheinen weiterhin im Gebet miteinander verbunden gewesen, im Gespräch und Austausch geblieben zu sein, nicht nur über die Entwicklung der eigenen Kinder – die nicht immer so verlief, wie sie es sich vorgestellt hatten – sondern auch über öffentliche Angelegenheiten, die Staat und Gesellschaft betrafen. „Die Art, wie die Begegnungen von Dorothea und Klaus im Ranft bezeugt werden, [schließt, M.H.] einen Bruch aus; vielmehr werden wir auf ein in der Tiefe des Glaubens und Gottvertrauens gereiftes Verhältnis zueinander aufmerksam gemacht.“ (Eduard Christen, a. a. O.)

Niklaus von Flüe stirbt 1487 mit 70 Jahren, inzwischen in weiten Teilen Europas als frommer Büßer und politischer Ratgeber bekannt, der sich der Beeinflussung durch weltliche und kirchliche Potentaten widersetzen kann. Immer wieder wird er aufgesucht, um in Konflikten zu vermitteln und Frieden zu schaffen.

Das genaue Todesdatum von Dorothea wissen wir nicht; wahrscheinlich ist sie kurz nach dem Tod des jüngsten Sohnes, der Priester geworden war, im Alter von ungefähr 50 Jahren gestorben.

Erst im Jahr 1947 wird Bruder Klaus heilig gesprochen. Der Friedensstifter, der strikte Gegner von Gewalt und Unrecht, der „Brückenbauer“ war ein Heiliger, der in die Nachkriegssituation als Vorbild passte. Dorothea wurde von den Schweizern schon bald mit ihrem Mann verehrt, auch wenn sie selbst nie offiziell selig oder heilig gesprochen wurde.

Mechthild Herwig